Computerspiele für Hund und Wolf

Nadine Groß (Tiertrainer Trainee)

02.06.2020

Im Frühling letzten Jahres führte mich mein Masterarbeitspraktikum zum Wolfsforschungszentrum (WSC). Begleitet von vielen Herausforderungen endete erst kürzlich mit der Datenaufnahme eine intensive aber auch sehr lehrreiche Zeit. Schwerpunkt meines Praktikums war das Projekt zu meiner Masterarbeit: Emotion discrimination using the touch screen apparatus – ein Projekt, bei welchem unter anderem untersucht wird, ob die Hunde und Wölfe des WSC, welche unter den gleichen Bedingungen aufgezogen und gehalten wurden, dazu in der Lage sind, zwischen fröhlichen und wütenden Gesichtsausdrücken von Menschen zu differenzieren. Dabei arbeiteten die Tiere an einem Touchscreen, der je zwei Bilder auf einem geteilten Bildschirm präsentierte und gegenüberstellte. Durch das Anstupsen einer Bildschirmhälfte mit der Schnauze war es den Tieren möglich, eine Wahl am Touchscreen zu treffen.

Doch bevor die Tiere überhaupt mit den beiden Emotionen konfrontiert wurden, mussten sie die erste Phase des Experiments durchlaufen – das sogenannte Pre-Training. In dieser Phase des Experiments mussten die Tiere zwischen einem Gesicht mit neutralem Ausdruck und einer Kopfrückseite wählen. Belohnt wurde dabei die Wahl des Gesichts. Bereits in dieser frühen Phase des Experiments erhielten wir verschiedenste Eindrücke über die Einstellung, Motivation und auch den Charaktereigenschaften unserer Tiere.

Sowohl die Hündin Zuri als auch der Wolfsrüde Chitto lieferten eine Glanzleistung ab und erreichten binnen kürzester Zeit das Kriterium für die nächste Phase des Experiments. Sie lernten schnell und nichts brachte ihre Konzentration ins Wanken.

Benötigte der Wolfsrüde Kenai auch wenige Durchgänge mehr, um in die nächste Phase vorzurücken, so überraschte uns dieser jedoch mit einem einmaligen Ergebnis: In einer seiner Sessions erzielte Kenai ein Ergebnis von 100% richtige Antworten! Die Arbeit am Touchscreen machte ihm nicht nur Spaß, auch hatte er definitiv verstanden, was er zu tun hatte.

Auch Kenais Rudelmitglied Amarok konnte es nie erwarten, den Testraum betreten zu dürfen. Und so führten Kenai und Amarok beinahe an jedem Testtag eine hitzige Diskussion darüber, wer als erster starten durfte. Doch schien Amarok im Vergleich zu Kenai nicht wirklich daran interessiert gewesen zu sein, die Aufgabe am Touchscreen mit Bravour zu meistern. Vielmehr war der unerschrockene Wolf damit beschäftigt, am Touchscreen zu nagen, wie ein Känguru in die Luft zu springen und zu versuchen, Türen zu öffnen. Eines muss man zugeben… seine Sessions waren… wie soll ich es ausdrücken… sehr abwechslungsreich und abenteuerlich!

Am Touchscreen konnte zu Beginn auch der Hund Asali nur schwer mit seiner Arbeit überzeugen. Schien ihm die Aufgabe am Touchscreen auch ein Mysterium zu sein, so gab sich dieser jedoch niemals geschlagen! Auch nach falschen Antworten ließ er sich nicht unterkriegen und blieb stapfend und grummelnd vor dem Touchscreen stehen bis schließlich das Bildpaar erneut am Bildschirm erschien. Sein unbändiger Wille trieb in vorwärts und verhalf ihm letztlich doch noch zum Sieg!

Von ganz anderer Natur war ein anderer unserer Hunde. Sprudelte dieser auf Spaziergängen noch so vor Energie, so konnte man von diesem Elan im Testraum meist nicht mehr wirklich etwas vorfinden. Ich spreche von dem langsamsten am Touchscreen arbeitenden Hund des WSC: Hiari! Gab es auch Tiere, wie z.B. den Hund Enzi oder den Wolf Etu, die blitzschnell wie eine Rakete in den Bildschirm rasten, so erledigte Hiari seine Arbeit am Touchscreen iiiiimmm Schneeeeckeeeeenteeeeeempooooo. Wie in Zeitlupe bewegte sich Hiari auf den Touchscreen zu. Endlich am Touchscreen angekommen (Hiari musste hierfür eine gewaltige Distanz von ungefähr zwei bis drei Schritten überwinden), erstarrte er vor dem Bildschirm. Doch schien er in diesem Stadium auch wie eingefroren, so konnte man doch hin und wieder, wenn man ganz genau hinsah, sein Hirn arbeiten sehen. Seine Augen bewegten sich langsam von links nach rechts, denn er schaute sich ein jedes Bild wirklich ganz genau an bevor er seine Wahl traf. Führten diese reichlichen Überlegungen immer zur richtigen Entscheidung? Nein. Verlor er sich dabei manchmal zu sehr in seinen Gedanken und schweifte ab? Ja. Aber auch wer langsam geht, kommt letztlich ans Ziel!

Auch die Wölfe Tekoa und Taima, bekannt als unsere „Furchtzwerge“, sowie ihr Bruder Maikan brauchten zu Beginn der Studie etwas mehr Zeit. Allerdings mangelte es ihnen nicht an Motivation. Es kostete ihnen zunächst etwas Überwindung, sich in den Testraum vorzuwagen und sich an die neue Testsituation zu gewöhnen. Doch überraschten sie uns alle mit ihrer endlosen Liebe zur Arbeit am Touchscreen! Einmal ihre Angst überwunden, ließen sie sich nicht mehr bremsen und gingen ganz in ihrer Arbeit auf. Vor allem Maikan bewies dabei Köpfchen und stellte somit schnell alle anderen Teilnehmer in den Schatten.

Mit dieser Touchscreenstudie endet nun langsam ein weiteres Projekt, welches von neuem zeigte, wie sehr auch unsere Tiere die Teilnahme an den wissenschaftlichen Tests genießen und schätzen. Stellt natürlich die Wissenschaft an sich eine große Motivation hinter diesen Projekten dar, so sind sie doch auch für die Hunde und Wölfe des WSC eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. Denn durch diese Tests werden die Tiere nicht nur beschäftigt, sie werden auch geistig gefördert.

Ich hoffe sehr, dass solche Projekte das WSC in Zukunft weiter begleiten werden, die Wissenschaft vorantreiben und den Tieren dabei viel Freude bereiten werden!