Was in der Menschheitsgeschichte alles Böse heißt

Anna Rautmann

19.02.2019

 

Vor ein paar Wochen hatte ich ein recht abenteuerliches Erlebnis, dass mich nachdenklich gemacht hat. Als Studentin am WSC hatte ich die Aufgabe Fleischbelohnungen für mein Experiment am folgenden Tag aus dem „Freezer“, einer Eisfachkammer in dem Futtertiere für unsere Wölfe aufbewahrt werden, zum Auftauen heraus zu holen. Um 11 Uhr abends bemerkte ich bedauernd, dass ich das Fleisch völlig vergessen hatte. Ich überlegte fieberhaft, wie ich meine Vergesslichkeit wieder gut machen könnte und kam nur auf eine einzige sinnvolle Lösung, die mir ganz und gar nicht behagte: Meine Taschenlampe zur Hand nehmen und den 20 minütigen Weg zum besagten „Freezer“ mutig zurücklegen und die Fleischbelohnungen gewissenhaft zum Auftauen heraus legen. Das tat ich dann auch. Naja, nicht ganz. Der Teil mit dem ‚mutig durch die Dunkelheit schreiten‘ fand sein Ende als meine Taschenlampe ohne Vorwarnung ihre Arbeit einstellte. Ich habe normalerweise keine Angst im Dunkeln spazieren zu gehen. Man kann zwar kaum was sehen, und daher keine schöne Landschaften genießen (für mich der Sinn des Spazierengehens), aber so dramatisch ist es auch wieder nicht. Aber es war eine außergewöhnlich unheimliche Nacht mit einem, für mich, außergewöhnlich unbegehrtem Ziel. Ich mag den „Freezer“ schon tagsüber nicht sonderlich, da ich die starren Tierleichen gruselig finde und ich mich dummerweise einmal darin eingesperrt hatte (ohne Handy und ohne Licht!). Der Mond war von Wolken behangen, die starren Silhouetten der knorrigen Bäume waren von Nebelschwaden umwoben und die schwere Stille wurde nur von dem unmelodische Röhren der Hirsche und dem Heulen der Wölfe durchbrochen. Und wie es oft so ist, gehen einem genau in diesen Momenten höchst ungebetene Informationen durch den Kopf.  

In meinem Fall waren es alte, traditionelle Wolfsmärchen und dies förderte meinen emotionalen Ausgleich in den gegebenen Umständen nicht gerade. Ich hatte Angst. Und das obwohl ich hier am WSC sehr viel über die Natur von Wölfen gelernt hatte. Beispielsweise hatte ich selbst mehrmals beobachten können, wie ängstlich Wölfe reagieren können. Einer hat Angst vor laufenden Menschenbeinen, ein anderer vor einem rotweiß gestreiften Absperrband, wieder drei weitere vor Kübeln und ziemlich viele unserer Wölfe fürchten sich vor schnellen, winkenden Bewegungen und lauten Rufen. Und das obwohl alle von Hand aufgezogen wurden und kanadische Grauwölfe sind, die in der Regel ausgeglichener und weniger scheu sind als europäische Wölfe. Wie konnte es dazu kommen, dass der Wolf in den bekannten Volksmärchen wie Rotkäppchen, die sieben Geißlein oder der Wolf und die drei kleinen Ferkelchen, ein so bösartigen, gierigen und heimtückischen Charakter darstellt. Drei Eigenschaften, die zudem in Tieren ausnahmslos noch nie festgestellt wurden.

Doch wenn man in die gemeinsame Geschichte von Mensch und Wolf zurückschaut, fällt auf, dass Wölfe gefürchtete Futterkonkurrenten waren, da sie auch Wild jagten und Nutztiere rissen. Eine gnadenlose Ausrottung folgte und die Menschen gewöhnten sich an Wäldern ohne den lästigen Parasiten. Das leuchtet ein: Wird ein Konkurrent zu lästig oder gefährlich, rottet man ihn einfachheitshalber aus. Diese Haltung scheinen Menschen auch im Bezug zu ihres Gleichen zu haben. Beispielsweise ist im Holocaust oder in der Hexenverfolgung, kritisch gesehen, nichts anderes passiert. Juden waren erfolgreiche Händler und Bankiers  und „Hexen“ kundige Heilerinnen. Beide Dramen begannen damit, dass die Konkurrenten vor dem gesamten Volk ausgesondert und schlecht gemacht wurden. Sie sollten der Grund für alles Schlechte sein, das dem gemeinen Volk widerfuhr und wurden als ernste Bedrohung hasserfüllt verfolgt. Es ist einfacherer die Welt in Schwarz und Weiß oder Böse und Gut zu unterteilen. Die Ausrottung folgt wenig später und meistens merken wir erst, wenn es schon zu spät ist, dass der Angeschwärzte eigentlich Farben hat und, wie wir, in diese Welt gehört. Ich behaupte keineswegs, dass die Ausrottung des Wolfs aus unseren Wäldern dem Holocaust oder der Hexenverfolgung zu vergleichen ist.

Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass wir Menschen leider zu oft dazu neigen, für uns Bedrohliches eifrig als Böse abstempeln und, im Bewusstsein unserer Stärken und Mitteln, dieses „Böse“ aus unseren Augen schaffen, ohne uns zuvor ausreichend zu informieren oder uns zu fragen, warum etwas uns Angst macht und ob diese Angst ernsthaft zu begründen ist. Ich hatte jene Nacht Angst, weil ich wenig Kontrolle über meine Umgebung hatte. Ich sah kaum was, und obwohl ich wußte, dass alle Tiere in ihren Gehegen waren, ließ mich die Vorstellung von heulenden Wolfen umgeben zu sein, erschaudern. Aber wenn ich nachgedacht hätte, und statt mit meinem Bauch mit meinem Kopf gedacht hätte, wären mir nicht die unrealistischen Volksmärchen eingefallen, sondern ich hätte mich an das Ende des wirklichen Ereignisses und an meinen eigenen Erfahrungen erinnert. Die Wölfe wurden damals ohne Probleme eingefangen und Wölfe waren viel ängstlicher und scheuer als ich es für möglich gehalten hatte. Ich hatte also nichts zu befürchten. Wir sind nur einer der Bewohner dieses wunderbaren Planeten und wir lösen unsere Probleme sicherlich nicht auf die pragmatischste Weise. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum in der Natur der Darwinismus beobachtet und in der Menschheit der „soziale“ Darwinismus  festgestellt wurde.

Für alle, die es interessiert wie mein nächtlicher Spaziergang zum „Freezer“ ausgegangen ist, möchte ich mein Abenteuer noch schnell zu Ende erzählen. Ich bemerkte vor dem verschlossenen „Freezer“, dass ich zur Krönung auch noch meinen Schlüsselbund (mit dem Schlüssel zum „Freezer“) zuhause liegen gelassen hatte. Darauf rief ich meine Mitbewohner verzweifelt an und erfuhr dass Klaudia, eine von ihnen, zu meiner großen Erleichterung mit dem Auto (und ihrem Schlüsselbund) bereits auf dem Weg zu mir war. Sie las mich auf, half mir die Fleischbelohnungen aus der unheimlichen Leichenkammer herauszunehmen und fuhr mich wieder zum behaglichen Stundenhaus. Ich werde es ihr wirklich nicht vergessen!!

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