Aus dem leben eines Trainers in langer langer Ausbildung

Lina Oberließen

04.04.2018

Vor einem halben Jahr habe ich meine hoffentlich glorreiche Trainer Karriere am Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn gestartet. Es ist also Zeit, einmal eine kleine Bestandsaufnahme zu machen, zurückzuschauen und vielleicht auch ohne Hinzunahme einer kristallenen Kugel einen Blick in die Zukunft zu riskieren.

Schon lange vor meiner WSC Zeit war ich davon überzeugt, dass Wölfe sehr besondere Tiere sind. Das war sicherlich mit ein Grund, warum ich hier gelandet bin. Der Grund, dass ich immer noch hier bin und nach einer vergleichsweise kurzen wissenschaftlichen Ära als Trainerin noch näher mit den Tieren zusammenarbeiten wollte, ist ebenfalls ihrer Besonderheit geschuldet. Allerdings hat sich mein Konzept von „besonders“ im Kontext Wolf über die Zeit ein wenig verändert. Denn Verzauberung und Vollmondmystik werden schnell vom Alltag eingeholt, wenn man beim Gehege sauber machen den überraschend profanen Kot der heiligen Tiere in kleine Eimer schaufelt. Die Futterzubereitung ist mehr blutig als magisch und das olfaktorische Erlebnis toter Futtertiere wenig inspirierend. Unsere Wölfe verhalten sich außerdem oft eher lustig als majestätisch und würdevoll. Beim Spielen kugeln sie durch das Gehege, bei Spaziergängen wälzen sie sich genussvoll in Fäkalien, Kadavern, weggeworfenen Redbulldosen und anderen Geruchsmagneten und bei Kognitionstests wirken manche von ihnen richtig fassungslos, wenn sie einen eigenen Fehler erkannt haben. Was mich jedoch tatsächlich am meisten fasziniert, sind ihre völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten. Vom Pausenclown über den Schreckensherrscher bis hin zur Diva ist wirklich alles mit dabei. 

Trotz dieser enormen charakterlichen Vielfalt, haben unsere Wölfe doch eine Eigenschaft gemein, welche zum Bedauern eines jeden neuen Mitarbeiters regelrecht perfektioniert wurde: Die Unnahbaren zu spielen und mit Vertrauensvorschüssen zu geizen. Während unsere Hunde einen sehr schnell in ihre großen und freundlich-domestizierten Herzen schließen, muss man sich die Gunst der Wölfe lange und hart erarbeiten. Langsam gewöhne ich mich an die Gefühlsschwankungen zwischen maßloser Selbstüberschätzung und fatalistischem Selbstzweifel, begleitet von der trüben und selbstmitleidigen Vision, es niemals zu schaffen, eine stabile Beziehung zu einem einzigen Wolf aufzubauen. Ich hoffe es pendelt sich letztendlich ein zu einer realistischen Selbstwahrnehmung dessen, was schon gut geht und wo möglicherweise noch Handlungs- und Beziehungspotential besteht. Zum Glück habe ich bis dahin sehr fähige und unglaublich tolle Kolleginnen, denen ich meine Selbsteinschätzung in schwierigen Situation vertrauensvoll überlassen kann.

Eine weitere Eigenschaft, die unsere Wölfe teilen und die die Arbeit mit ihnen zu einer großen Herausforderung macht, ist ihre schier grenzenlose Sturheit. Denn wenn Wolf nicht will, dann hilft wirklich nichts! Nicht nur einmal bin ich im imaginären Dreieck gesprungen beim Versuch, ein unmotiviertes Tier zum Training aus dem Gehege heraus zu locken. Bestenfalls wird man aus sicherer Distanz mit einer erlesenen Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit beäugt, schlechtestenfalls wird man gänzlich ignoriert. Die besondere Würze bekommen solche kläglichen Auftritte noch durch die Anwesenheit von Besuchern.

Mein persönliches Highlight in punkto Herausforderung ist zurzeit der Wolfsspaziergang, denn hier vereinen sich Beziehungsspielchen und Sturheit zu einem gefühlt unüberwindbaren Endgegner. Nicht, dass ich nicht von Anfang an gewarnt worden wäre. Es könne ohne weiteres mal ein Jahr dauern, bis man wirklich in der Lage sei, ohne kollegiale Unterstützung auf einen Spaziergang zu gehen. Da war ich wohl damals zu stolz, um richtig hinzuhören. Gedanken wie „das mag bei anderen sicherlich der Fall sein, aber jemanden wie mich haben die Wölfe schließlich noch nicht kennengelernt“ erwiesen sich als tragische Fehlkalkulation und ich landete recht schnell und unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Ich bin jetzt wie gesagt ein halbes Jahr am WSC und nein, ich mache noch keine Wolfsspaziergänge alleine. Erst neulich hat mich die liebe Tala (eindeutig der Kategorie Diva zuzuordnen) an den Rand der Verzweiflung getrieben. Der von mir gewählte Spazierweg passte ihr nicht, das Fleisch war nicht genehm und an einer Interaktion mit den Besuchern war sie nicht im geringsten interessiert. Als es an einem Punkt wirklich gar nicht mehr ging und Madam beschloss, in die Leine zu beißen, um dem unerwünschten Anhängsel (mir) zu entkommen, übernahm meine Kollegin das in meinen Augen störrische Tier. Bereits nach kurzer Zeit begann sie im Vergleich zu Fleisch minderwertiges Trockenfutter zu verspeisen und ließ sich auch auf eine kurze Interaktion mit den Besuchern ein. Als wenn es nicht ohnehin schon für jeden Außenstehenden erkennbar wäre, erklärt man freundlich und hoffentlich professionell die Situation und heuchelt gekonnt eine Portion Selbstironie, während man innerlich kocht und überlegt, wie ein Canizid sich bestmöglich als Unfall tarnen ließe.

Aber gerade solche Erfahrungen, die einen mitunter an die persönlichen Grenzen treiben, sind meiner Meinung nach unendlich wertvoll dafür, sich weiter zu entwickeln und etwas über sich selbst zu lernen. Denn die Wölfe bemerken Unsicherheit und fehlende Souveränität leider meist eher als man selbst. So fiel mir erst vor kurzem auf, dass ich von den Wölfen schon etwas erwarte, das ich ihnen selber aber noch gar nicht wirklich entgegenbringe: Vertrauen. Aber nicht nur im Hinblick darauf sind sich Mensch und Wolf offenbar erschreckend ähnlich. Das ganze „Sozialgehabe“ weist so viele Parallelen auf. Ich erkenne die gleichen Führungsstile bei unseren Wölfen wie beim Menschen. Es gibt vergleichbare Beziehungsformen, Rituale und soziale Strategien. Nicht zuletzt finde ich mich selbst auch bei der enormen Futtergier der Wölfe wieder…

Um das Ganze also langsam zu einem Ende zu bringen: Ich liebe die Arbeit mit den Tieren sehr, trotz oder gerade wegen aller Tücken und Herausforderungen. All die kleinen Fortschritte, die man mit den Wölfen nur sehr langsam mit der Zeit erreicht, sind gerade deswegen so unglaublich wertvoll. Und wenn sich ein Wolf dann zum ersten Mal für dich auf den Rücken rollt, ist das schon ein sehr besonderes Gefühl und eine riesen große Ehre!

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