Wolfskulturen

Forschungs Blog, 23.08.2008, Kurt Kotrschal

Betrifft: M. MUSIANI, J. LEONARD, H. CLUFF, C. GATES, S. MARIANI, P. PAQUET, C. VILÀ and R. WAYNE: Differentiation of tundra/taiga and boreal coniferous forest wolves: genetics, coat colour and association with migratory caribou. Molecular Ecology 16, 4149-4170 (2007)

Es gehört schon beinahe zum Allgemeinwissen, dass Wölfe im Rudel Territorien verteidigen, und dass nur die ranghöchsten Weibchen und Männchen reproduzieren - richtig? Nicht ganz. Denn Musiani et al. (2007) belegen, was Beobachter schon lange beschreiben: unter den Kanadischen Wölfen (Canis lupus occidentalis) gibt es nicht nur sesshafte Territoriale, sondern auch Nomaden, die auf ausgedehnten Jahreswanderungen ihrer Hauptbeute, den Karibus folgen. Nomaden und Sesshafte leben also in ganz unterschiedlichen Traditionen und es findet kaum Genaustausch statt. Wie bei einigen anderen Tieren, einschließlich Orcas und Menschen gibt es daher auch bei Wölfen Ansätze sympatrischer Artbildung, wobei unterschiedliche Kulturen die Reproduktionsbarriere bilden.

Der dunkle Wolf Aragorn
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Ein spektakuläres Beispiel unterschiedlicher Lebensstile liefern etwa Schwertwale, deren ortsfeste, küstennahe Gruppen sehr “vokal” sind und von Fischen leben, während die küstenfernen Nomaden in aller Stille Meeressäuger bis zur Größe von Pottwalen jagen. Diese Differenzierung der Lebensstile wurde nun durch eine Kombination modernster genetischer, statistischer und telemetrischer Methoden auch an Timberwölfen nachgewiesen (Musiani et al. 2007): Wölfe mit vorwiegend dunkler Fellfarbe im kanadischen Taigawald jagen Hirsche und Elche und verteidigen Territorien gegen Nachbarrudel. Im Gegensatz dazu begleiten eher helle nomadische Wölfe die Wanderungen riesiger Karibuherden. Deren Wintereinstand liegt im Taigawald, im Frühjahr wandern sie wieder nordwärts, um im Sommer 2000km nördlich in der offenen Tundra zu kalben. Die nomadischen Wölfe ziehen mit ihnen und nehmen schwache Tiere aus der Herde. Sie tun das immerhin schon etwa 10 000 Jahre lang, seit der letzten Eiszeit.

Die Nomaden unterscheiden sich genetisch von den Sesshaften. Man mag einander nicht. Speziell die Sesshaften verteidigen ihre Reviere im Winter auch gegen die Nomaden, die eine Konkurrenz um die lokale Beute, Elche und Hirsche darstellen. Man vermischt sich nur höchst selten. Und wenn, dann decken junge Nomadenmännchen die sesshaften Weibchen. Wölfinnen kommen im Spätwinter in Hitze, wenn die Nomadenwölfe in oder zwischen den Territorien der Standwölfe im Taigawald leben. Aus komplexen sozialen Gründen haben nur die sesshaften Weibchen, nicht aber die Nomadinnen eine Chance, die Welpen eines Rüden aus dem jeweils anderen Kulturkreis aufzuziehen. Denn Wölfinnen benötigen dazu mindestens einen Partner und nur bei den Sesshaften ziehen gelegentlich auch mehrere Weibchen im Rudel Nachwuchs auf.

Die Nomadenrudel mit den trächtigen Weibchen ziehen im Frühjahr wieder gen Norden, ihre Wurfbaue liegen daher etwa 1000km nördlicher als die Baue der Sesshaften, während die Karibus nochmals 1000km weiter nördlich in der Tundra kalben. Wenn die Nomadenwölfchen dann im 4.-5. Lebensmonat die Nähe ihres Baues verlassen können, ziehen ihnen gerade die Karibus mit ihren auf breiter Front entgegen. Dies erlaubt es diesen noch sehr jungen Wölfen, mit den Karibus wieder in den Wintereinstand im Süden zu wandern.

Trotz artspezifischen Sozialverhaltens und Rudelorganisation, ist es Wölfen also möglich, erstaunlich unterschiedliche Kulturtraditionen ausbilden. Erinnert eigentlich stark an den Menschen. Menschen vermehren sich gerne innerhalb ihrer Kulturen. Selbst geringe sozio-ökonomische Barrieren erweisen sich als relativ gen-dicht. Kultur beeinflusst daher die biologische Evolution des Menschen. Ob man solche über lernen weitergegebenen Unterschiede bei Tieren nun ebenfalls “Kulturen” nennen will, wie dies manche Affenforscher medienwirksam tun, oder ob man eher beim Begriff “Traditionen” bleibt, ist letztlich eine Definitionsfrage und daher zweitrangig. Wölfe wie ursprüngliche Menschen leben sesshaft oder nomadisch, abhängig von ihren Nahrungsquellen. Dies ist sicherlich einer der Gründe, dass Wölfe und steinzeitliche Menschen einander näher kamen, sodass wir heute mit Hunden leben.

Wie das geschehen konnte, ist auch ein wissenschaftlicher Fokus für das neugegründete Wolfsforschungszentrum. Die Befunde von Musiani et al. (2007) sind auch insoferne von Relevanz für unsere Arbeit, als sie zeigt, wie flexibel und anpassungsfähig Wölfe sein können. Sollte man daher kritisieren, dass wir mit “enkulturierten Wölfen” arbeiten, können wir dem nur voll zustimmen. Was sonst? Alle Wölfe sind sozial in ihrer jeweiligen Gesellschaft enkulturiert und nicht-enkulturierte Wölfe wären sozial vernachlässigt. Wölfe bleiben es trotzdem und jene grundlegenden geistigen Fähigkeiten und kooperativen Anlagen, die wir im WSC vorwiegend erforschen wollen, sitzen sicherlich tiefer, sind möglicherweise die Basis für die Kulturfähigkeit der Wölfe, sollten aber durch das sozio-kulturelle Umfeld der aufwachsenden Wölfe kaum beeinflusst werden.


Das Wolfsforschungszentrum wird unterstützt von

  • Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung .
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  • Asamer: Vielen Dank für die großzügige Spende .
  • Julius K9 .
  • Austrian Airlines .
  • Baumanagement Forstner .
  • Bauakademie Wien .
  • Raiffeisenbank Ernstbrunn .
  • Lagerhaus Ernstbrunn .
  • Ernstbrunner Kalktechnik GmbH .
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  • tecnolight Leuchten GmbH .
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  • RIDI Leuchten GmbH .
  • FAKRO Dachflächenfenster GmbH .
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  • NORKA NORDDEUTSCHE KUNSTSTOFF- UND ELEKTROGESELLSCHAFT STÄCKER MBH CO. .
  • Baukoordinator .
  • Hess AG  Form+Licht .
  • Philips Professional Lighting Solutions .
  • Franz Sill GmbH .
  • RZB Rudolf Zimmermann, Bamberg GmbH .
  • Semperlux Aktiengesellschaft .
  • Quester - mein Bester .
  • Siteco Beleuchtungstechnik GmbH .
  • Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe (GzSdW) e.V. fördert das WSC .
  • Schmidt-strahl .
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