Scheu - was ist das?

Forschungs Blog, 21.09.2008, Kurt Kotrschal

Entlang des "shy-bold" (reaktiv-proaktiv) Kontinuums ist Kaspar sicherlich eher auf der Seite "shy", Aragorn dagegen "bold". Aber ist es so einfach? Unsere Wölfe lehren uns, dass der Kontext zählt

Wachsam
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Schon seit über eine Woche werden die Wölfe Besuchern vor dem Gehege gegenüber immer misstrauischer. Sie sichern bereits, wenn sich ein Mensch nur von Ferne nähert und wenn dies laute Gruppen sind, schnuren sie ziemlich gestresst (Hecheln, etc.), im hinteren Teil des Geheges eine Zeit lang, beruhigen sich aber relativ rasch wenn die Gruppe vor dem Gehege stehenbleibt und schaut.

Die Feststellung, dass unsere Wölfe Menschen gegenüber scheuer würden, wäre aber keinesfalls richtig, denn uns gegenüber sind sie mindestenso so entspannt wie eh und je und neue Besucher (besonders Mädchen), die am Besuchertisch im Gehege Platz nehmen, werden oft inspiziert und von denen nehmen zumindest 3 der 4 bald auch mal Fleisch. Nur Shima bleibt Frauen gegenüber zickig.

Es scheint, dass wir uns in einem Entwicklungsstadium befinden, in dem die Wölfe einfach mehr Sicherheitskompetenz für sich selber übernehmen und es offenbar ganz wichtig finden, Leute individuell zu unterscheiden. Selbst vor mir weichen Sie anfangs, wenn ich das Gehege betrete, oft zurück, um mich dann im hinteren Gehegeteil freundlich zu begrüßen. Es scheint also, als ob unsere Wölfe einfach Wert Auf eine gute Informationslage legen würden. Dazu passt auch, dass sie nicht mehr lange in unseren kleinen Versuchsräumen bleiben wollen und auch bei Regen den Raum nur mehr kurz nutzen. Heute etwa rief ich sie untertags mit etwas Fleisch zweimal rein, sie kamen sofort, wir balgten entspannt, Shima und Kaspar drängten sich um mich und auf mir, als wären sie erst 8 Wochen alt. Aber jedes Geräusch von draußen bewirkte, dass sie zumindest mal zur Tür mussten, um nachzusehen, keineswegs panisch, aber ernsthaft interessiert. Ruhen im Zimmer kommt nicht mehr in Frage, man muss schließlich wissen, was um einem vorgeht.

Dazu passt, dass die Wölfe seit mehr als einer Woche nicht mehr mit uns die Nacht in diesem Zimmer verbringen wollen. Zudem könnte es sein, daß die Wölfe auch deswegen so stark an Leuten interessiert sind, weil aus unserem an sich großen Menschenrudel (also den Vertrauten der Wölfe) ständig mehr ab- als anwesend sind. Das muss sogar einem Individuum mit einer an eine “Fission-fusion” Gesellschaft angepasste Psychologie seltsam vorkommen und schließlich Angst machen.

Ähnliches erlebten wir auch bei den Raben. Die fühlen sich gar nicht wohl, wenn sie nicht wissen, was neben ihnen vorgeht. So etwa waren sie in den zunächst geschlossenen Versuchsräumen unkonzentriert und furchtsam, wenn Besucher vor der Voliere ankamen. Thomas Bugnyar löste das Problem genial, indem er einfach ein Fenster in die Versuchsvoliere schnitt und mir einem Vorhang verschloss. Nun konnten die Raben nachsehen wenn sie wollten und arbeiteten fürderhin wesentlich ruhiger und konzentrierter als in der abgeschlossenen Voliere.

Wir sollten aus diesen Erfahrungen lernen und unsere Konsequenzen ziehen. Zum Einen müssen wir bald ihr Gehege vergrößern um ihnen etwas mehr Rückzugsraum zu geben, was sie wahrscheinlich wieder ruhiger werden lässt. Und zum zweiten scheint ein völlig geschlossener Versuchsraum - egal wie groß, “unwölfisch”. Wir müssen schlicht Räume kreieren, die den Wölfen erlauben, optimal konzentriert zu arbeiten, was nicht gleichbedeutend sein muss mit standardisierten, geschlossenen Versuchsräumen, schließlich handelt es sich weder um Tauben noch um weiße Mäuse. Die Feststellung, dass wir unsere Wölfe trainieren und testen, trifft natürlich auch (und ganz besonders) in Gegenrichtung zu.

PS.: Am 22. kam Bea wieder zurück und am 23. hatten die Wölfe ihr nervöses schnuren beinehe abgelegt. Ruhige sachgerechte Interaktionen und soziales Vertrauen kann offenbar beinahe Wunder wirken. 


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